Hans Hagdorn - Projekte
 
 
Die triaszeitliche Fossilllagerstätte von Guanling in Süd-China (Provinz Guizhou)
und ihre weltweite Bedeutung
Der Fossillagerstätte von Guanling aus der frühen Obertrias (Wende Ladin / Karn) kommt erhebliche Bedeutung zu, nicht nur für die Erd- und Lebensgeschichte Chinas, sondern der ganzen Welt. Aus dieser Zeitscheibe vor ca. 230 Millionen Jahren gibt es nämlich sonst auf der Welt keine Lager-stätte, die vergleichbare Einblicke in die Meereslebewelt geben würde. Exakt zur gleichen Zeit wurde bei uns in einem ausgedehnten Flusssystem der Schilfsandstein abgelagert, der historische Bausandstein Heil-bronns und Stuttgarts. Weltgeltung hat die Guanling-Lagerstätte wegen

(1) ihrer artenreichen Wirbeltier- und Wirbellosen-Fauna und deren außerordentlich guter Erhaltung. Bei den Wirbeltieren sind dies besonders die frühen und wenig bekannten Ichthyosaurier, die gepanzerten Pflasterzahnsaurier (Placodonten) und die sonst äußerst seltenen Thalattosaurier, von denen aus Guanling zahlreiche vollständige Funde vorliegen. Bei den wirbellosen Tieren kommt den Crinoiden (Seelilien) besondere Bedeutung zu; die Lagerstätte enthält weltweit die am besten und vollständigsten erhaltenen Ver-treter der Gattung Traumatocrinus . Alle anderen Fundpunkte dieser Gattung (Österreich, Rumänien, Türkei, Iran, Afghanistan, Indo-nesien, USA, Timor) haben bisher nur fragmentarisches Material geliefert. Die Funde von Guanling gestatten die detaillierte Beschrei-bung des ganzen Tieres, einsch-ließlich seiner Entwicklungsstadien und innerartlicher Variabilität.

(2) Die Familie Traumatocrinidae ist eine äußerst interessante Crinoidengruppe, die sich aus den im Muschelkalk häufigen Seelilien, den Encriniden entwickelte. Während diese am Meeresboden lebten, begannen die Traumato-criniden Treibhölzer zu besiedeln und konnten auf diese Weise die oberen Wasserschichten auch von solchen Meeres bewohnen, deren Bodenwasser durch Faulschlamm vergiftet war. Solche Bedingungen herrschten zur Triaszeit am SW-Rand der Yangtse-Plattform im Zentralbereich des Tethys-Meeres, dem Ablagerungsraum von Guanling. Die sauerstofffreien Bodenschichten waren jedoch für die Erhaltung der Fossilien wichtig, denn wenn die Tiere erst
einmal in den lebensfeindlichen Schlamm gesunken waren, wurden sie nicht mehr von Aasfressern zerrissen. So sind in Guanling komplette Seelilienkolonien mitsamt ihrem Treibholz-Floß erhalten geblieben. Die im gemeinsamen Projekt anlaufende Erforschung der fossilreichen Schwarzschiefer erlaubt Rück-schlüsse auf den Nahrungserwerb und die Fortpflanzungsstrategien der spezialisierten Tiere und auf die Vorgänge, die zu ihrer Einbettung im Faulschlamm führten.

(3) Für die Paläontologie Baden-Württembergs ist besonders spannend, dass die Guanling-Lagerstätte ihr Gegenstück im Posidonienschiefer des Schwä- bischen Albvorlandes hat, nur dass dieser 50 Millionen Jahre jünger ist, also Einblicke in ein anderes Zeitfenster erlaubt. Wie in Guan-ling gibt es in den schwäbischen Juraschichten Meeresreptilien, Fische, Ammoniten – und gleichfalls riesige Seelilienkolo-nien, die an Treibhölzern hingen. Diese Seelilien der Gattung Seirocrinus gehören aber zu einer anderen Gruppe, die jedoch mit ihrer ähnlichen Spezialisierung ähnliche – konvergente – Anpas-sungen mitgemacht haben. Deren Erforschung kommt allgemeine Bedeutung für die Stammes-geschichte der Seelilien zu.

(4) Schließlich interessiert auch, wie sich die ökologische Nische “Driften an Treibholz” durch die Zeiten verändert hat. Diese Nische öffnete sich, als zu Beginn der Obertrias Hölzer von hinreichender Größe verfügbar waren, und sie schloss sich, als die Bohrmuscheln ihre Entwicklung nahmen und dafür sorgten, dass Treibholz nur für begrenzte Zeit im Meer blieb, bis es aufgefressen war. Dazu ge-hören auch Interaktionen mit mehreren Muschelarten, die gleichfalls an den Hölzern hingen und die mit ihrem Gewicht verant-wortlich für das Absinken der Hölzer waren.

Das Projekt – Im August 2004, wird in dem deutsch-chinesischen Projekt in gemeinschaftlicher Feldarbeit in Guanling im Gelände an den offenen Fragen gearbeitet; wir hoffen die Funde zu machen, die weiteren Aufschluss geben können. Die Delegation von chi-nesischen Wissenschaftlern und

Politikern aus Guanling und vom Geologischen Institut Yichang, diezur Zeit in Ingelfingen weilt, verschafft sich bei uns im Steinbruch des Zementwerks Rohbach in Dotternhausen bei Balingen ein Bild vom Posidonien-schiefer. Wie man in Deutschland Fossilien birgt, präpariert, konser-viert und schließlich in Museen einem anspruchsvollen Publikum präsentiert, konnte die Delegation im Muschelkalkmuseum Ingelfing-en, im Werkforum Dotternhausen, vor allem aber im Senckenberg-museum in Frankfurt und im Löwentormuseum in Stuttgart studieren. Von diesen großen Naturkundemuseen von internatio-nalem Rang sind an die chine-sischen Partner auch Angebote ausgesprochen worden, geschick-te junge Leute aus China in allen Techniken hier in Deutschland auszubilden, damit sie später in ihrer Heimat die Bergung, Präpa-ration und Präsentation von Groß- fossilien aus Guanling organisie-ren und ausführen können. Es wurde auch über den Austausch von Fossilmaterial gesprochen.

Europäische Partner des Yichang Institute of Geology and Mineral Resources, vertreten durch den Projektleiter Prof. Dr. Wang Xiaofeng und Dr. Yan Daoping, sowie des Guanling County durch seinen Landrat (Mayor), Herrn Wang Mengzhou, sind als Sedi-mentologe Prof. Dr. Gerhard H. Bachmann vom Geowissen-schaftlichen Institut der Universität Halle / Saale, als Spezialist für Meeresreptilien Privatdozent Dr. Martin Sander vom Paläonto-logischen Institut der Universität Bonn, als Spezialist für fossile Fische Dr. Gilles Cuny vom Natur-historischen Museum Kopenhagen (Dänemark) und Dr. Hans Hagdorn vom Muschelkalkmu-seum Ingelfingen, der Experte für Seelilien der Triaszeit ist. Das Projekt ist auf mehrere Jahre ausgelegt und wird von deutscher Seite durch die genannten Insti-tutionen und durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft unter-stützt. Vor Ort haben die Alberti-Stiftung, die Stiftung Würth, die Bürkert Werke Ingelfingen und die Sparkasse Hohenlohekreis den Aufenthalt der chinesischen Dele-gation ermöglicht. Die Gruppe reist anschließend weiter nach Halle, Hannover und Berlin und wird dort von Prof. Bachmann geführt .