Friedrich von Alberti-Preis 2010
Preisverleihung in öffentlicher Veranstaltung am 12. November 2010, 18.00 Uhr in der Stadthalle Ingelfingen. Gäste sind willkommen.

Verleihung des Friedrich von Alberti-Preises 2010 an Herrn Dr. Rainer Schoch vom Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart in Würdigung seiner Verdienste um die wissenschaftliche Erforschung der Reptilien und Amphibien aus Perm und Trias, ihre Systematik, Paläoökologie und Larvalentwicklung, die Popularisierung paläontologischer Forschung in Ausstellungen und in Schriften sowie die Organisation und nachhaltige Durchführung von Grabungen in den Trias-Schichten Baden-Württembergs.

Im Jahr 2010 wird der Friedrich von Alberti-Preis wieder ungeteilt verliehen, und zwar an einen Berufspaläontologen. Vorstand und Kuratorium der Alberti-Stiftung folgten damit der Empfehlung der Paläontologischen Gesellschaft und bestimmten als Preisträger Herrn Dr. Rainer R. Schoch vom Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart.

 Rainer Schoch stammt aus der Pfalz, wo er sich schon als Schüler mit den fossilen Amphibien des Rotliegenden befasste. Seine wissenschaftliche Ausbildung erhielt er durch das Studium der Geologie und Paläontologie an der Universität Tübingen, unter anderen bei Prof. Frank Westphal, bei dem er 1997 „summa cum laude“ promovierte. Forschungsarbeiten führten ihn nach Argentinien, Russland, mehrfach in die USA, nach Großbritannien, auf die Arabische Halbinsel und nach China. 2001/2002 arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent am Museum für Naturkunde an der Humboldt-Universität zu Berlin, um dann eine Kuratorenstelle beim Stuttgarter Naturkundemuseum anzunehmen, das die wohl reichsten Sammlungen mesozoischer Amphibien und Reptilien Europas hält. 

Rainer Schoch ist heute, gerade erst 40 Jahre alt, einer der profiliertesten Wirbeltierpaläontologen seiner Generation. In den vergangenen zwölf Jahren hat er in über 80 Publikationen unser Wissen von der Amphibien- und Reptilienfauna der europäischen Trias-Schichten revolutioniert und durch seine Forschungen über Ursprung und Entwicklung der Metamorphose früher Amphibien internationales Ansehen erlangt. Rainer Schochs Forschungsarbeiten zeichnen sich durch Brillanz in Struktur und Inhalt aus, gleichermaßen durch Exzellenz in der Abbildung von Fossilmaterial und erläuternden Grafiken. So kommen zahlreiche Fachwissenschaftler aus vielen Ländern nach Stuttgart, um mit ihm zu arbeiten. Mit Energie und Enthusiasmus hat er, oft als Koautor, diese internationale Kooperation zu neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen geführt. Außerdem hat er am Stuttgarter Naturkundemuseum mit einer neuen, didaktisch konzipierten Ausstellung und mit Büchern für einen breiteren Leserkreis zur Popularisierung der Paläontologie beigetragen und Gemeinschaftsaktionen mit anderen Museen und mit Sammlern organisiert.

Dr. Schochs Arbeiten über die triaszeitlichen Amphibien und Reptilien aus Deutschland begannen mit seiner Doktorarbeit über den “klassischen”  Temnospondylen (Panzerlurch) Mastodonsaurus, den er aufgrund der Kupferzeller Funde vom Bau der A6 in mehreren Publikationen neu beschrieben hat.

Daraus ergaben sich neue Einsichten in Grundzüge des Baues weiterer Temnospondylen und schließlich ein langfristiges Projekt zur Revision aller anderen triassischen Temnospondylen-Arten aus Deutschland, das er während der letzen zehn Jahre ständig vorangetrieben hat.

 

 

  

Dabei bearbeitete er in detaillierten Revisionsarbeiten bereits seit längerem bekannte Capitosaurier, Plagiosaurier, Trematosaurier und Metoposaurier. Er erweiterte dann diese Arbeit und bezog alle anderen Tetrapoden-Arten aus den jeweiligen Faunen mit ein, darunter Chroniosuchier, Rauisuchier und Archosaurier, über die er wichtige Publikationen vorlegte. Seine geologische Expertise erlaubte es ihm auch, über Stratigraphie, Sedimentologie und Taphonomie der triassischen Fundstellen zu arbeiten. So beschäftigt ihn zur Zeit die Rekonstruktion der Gewässer des Lettenkeupers. Seine Zusammenarbeit mit Kollegen in New Mexico und Südafrika führte zu Gemeinschaftspublikationen über triassische Amphibien und Reptilien aus diesen Gebieten. 

Alle diese Arbeiten wären ohne eine immense Sammel- und Präparationstätigkeit unmöglich gewesen. Dr. Schoch hat mit seinem hochqualifizierten Mitarbeiterteam zahlreiche Ausgrabungen für sein Museum durchgeführt, zum Beispiel über Jahre hinweg im Lettenkeuper des Schotterwerks Schumann in Vellberg-Eschenau, erst diesen Sommer auch in den klassischen Dinosaurierlagern des Knollenmergels von Trossingen. Die dabei entdeckten und umgehend präparierten, oft spektakulären Neufunde bezieht er genauso zeitnah in seine Forschungen ein und stellt sie dann der Öffentlichkeit vor.  

Rainer Schoch ist als Beauftragter des Denkmalschutzes Baden-Württemberg am Naturkundemuseum für die Beurteilung von Wirbeltierfunden aus dem Erdmittelalter und dem Erdaltertum zuständig, insbesondere für das Grabungsschutzgebiet „Versteinerungen aus Holzmaden“. Dabei hat er schon frühzeitig die konstruktive Zusammenarbeit mit Privatsammlern und lokalen Museen gesucht. Sein Geschick im Umgang mit Menschen und seine zurückhaltende Bescheidenheit führten zu einer vertrauensvollen Beziehung zwischen dem Stuttgarter Naturkundemuseum und vielen erfolgreichen Sammlern, Präparatoren und freien Wissenschaftlern in Baden-Württemberg. So wurden einige seiner wichtigsten Arbeiten aus der jüngsten Zeit erst durch derartige Zusammenarbeit möglich. Beispiele dafür sind die Funde von Michelbach und Eschenau, die vollständige Skelette von zwei völlig neuen Amphibien repräsentieren, von denen Trematolestes das erste vollständige Skelett eines Trematosauriers überhaupt darstellt, Callistomordax wertvolle Information über die frühe Geschichte der Metoposaurier liefert. Dieses Material wurde größtenteils privat gesammelt, besonders von dem Crailsheimer Werner Kugler, dem Alberti-Preisträger 1999, und gelangte durch Rainer Schochs fairen Umgang mit den Sammlern in öffentliches Eigentum.

In seinem zweiten Forschungsgebiet geht Rainer Schoch der Frage nach, was die Ontogenie der früh-permischen Amphibien zum Verständnis der Metamorphose heutiger Amphibien beitragen kann. Rainer Schoch hatte sich schon als Schüler mit der Paläontologie befasst, indem er in den Steinbrüchen des saar-pfälzischen Rotliegenden ‘Branchiosaurier’ sammelte, und schon in seiner ersten wesentlichen Publikation befasste er sich mit der Ontogenie dieser kleinen Temnospondylen. Er setzte diese Studien konsequent fort und beschrieb – unter Berücksichtigung von ontogenetischen Serien – zusammen mit verschiedenen Kollegen mehrere Formen neu.

Dies führte ihn zum profundesten Bereich seiner Forschungen: Er identifizierte nämlich die Metamorphose einiger früher Amphibien und erkannte, wie die Metamorphose der modernen Amphibien entstanden ist .

In der Tradition von Oscar und Eberhard Fraas gelang es Rainer Schoch, seine äußerst erfolgreiche und höchst ertragreiche Wissenschaftlerkarriere mit der Popularisierung der Paläontologie zu verbinden und von „seinem“ Museum aus im ganzen Land Interesse an den vorzeitlichen Tieren zu wecken und das einschlägige Wissen bei Jung und Alt zu vertiefen. Seit einigen Jahren schreibt er Kapitel für akademische Lehrbücher wie auch für populäre Bücher über Paläontologie und Evolution. Besonders bemerkenswert war das maßgeblich von ihm als Projektleiter entwickelte Konzept der Großen Landesausstellung 2007 “Saurier. Expedition in die Urzeit” mit faszinierenden Dioramen, in denen Sauriermodelle in akkurat nach aktuellem wissenschaftlichem Stand rekonstruierte Umwelten gestellt sind. Rainer Schoch hat auch das Begleitbuch zur Ausstellung herausgegeben und gute Teile davon selbst verfasst. Die Ausstellung fand beachtliches Medienecho und wurde für das Museum mit 327.000 Besuchern in sechs Monaten zur bisher erfolgreichsten Sonderausstellung des Stuttgarter Naturkundemuseums. So wurde Dr. Schoch auch bis nach China zum Botschafter und zum Flaggschiff  des Museums.

 Durch Rainer Schochs Forschungen weiß die wissenschaftliche Welt heute wesentlich mehr über das Leben zur Trias-Zeit in Mitteleuropa. Seine Ausstellungen im Museum und seine Öffentlichkeitsarbeit haben den Bürgern von Baden-Württemberg die Lebewelt des Erdmittelalters näher gebracht. Bei seinem Enthusiasmus und seinem geschickten Umgang führen viele Sammler, Wissenschaftler und Organisationen in Süddeutschland ihre Zusammenarbeit mit ihm fort und tragen dazu bei, unser Wissen über die Paläontologie nicht nur des Hohenloher Landes, sondern ganz Baden-Württembergs weiter zu vertiefen. So ist Rainer Schoch im besten Sinne ein würdiger Träger des Friedrich von Alberti-Preises der Hohenloher Muschelkalkwerke.


Danke!

Viele Grüße aus Ingelfingen,

Hans